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Ist Ernährung Privatsache? – Warum nicht jeder essen kann, was er will

Ist Ernährung Privatsache?

Ist die eigene Ernährung Privatsache? Fleisch, Eier, Käse, Gemüse, Obst – wir leben in einem freien Land und können im Grunde essen, was wir wollen. Soweit so gut. Mittlerweile sind in unserer Esskultur aus den unterschiedlichsten Gründen viele verschiedene Ernährungsformen entstanden. Dementsprechend liegt das Thema Essen in alltäglichen Gesprächen immer häufiger auf dem Tisch – und das schmeckt nicht jedem.

Sätze wie „Was ich esse, geht nur mich etwas an und ist mein Privatvergnügen“ oder „Jedem das Seine“ – haben wir in unzähligen Diskussionen sicherlich alle schon einmal gehört oder sogar selbst gesagt. Doch geht die eigene Ernährungsweise wirklich niemand anderen etwas an?

In diesem Artikel möchte ich dir erläutern, warum die Wahl des eigenen Essens zwar eine private Entscheidung, jedoch keine reine Privatangelegenheit ist. Auf geht's!

Vorab ist hier noch eine kurze Übersicht:

  1. Gründe
  2. Argumente
  3. Schlusswort

Warum ist unser Essen keine Privatsache?

Die Privatsphäre ist der vertraute Raum in unserem Leben, in dem wir unsere Persönlichkeit und Individualität zwanglos ausleben und uns frei entfalten können. Wenn etwas privat ist, dann betrifft es per Definition nur die eigene Person.

Unsere persönliche Ernährung wäre also solange Privatsache, wie sie nur uns selbst betrifft. Doch die Lebensmittel die wir essen, ob Pflanzen oder tierische Erzeugnisse, wachsen nicht auf unseren Tellern oder an der Gabel, sondern haben eine Geschichte. Man isst nicht allein. Die Entscheidung, was man isst, hat Folgen für das Leben anderer Menschen (z.B. Krankheitskosten, soziale Kosten, ökologische Kosten (siehe Externalisierung von Umweltkosten)), für die Umwelt (z.B. Regenwaldabholzung, Klimawandel) – und nicht zuletzt für das Leben der Kühe, Schweine, Hühner und unzähliger anderer Tiere, die genauso Freude und Schmerz empfinden, wie wir Menschen auch.

„Essen ist keine Privatsache. […] Essen beinhaltet ganz konkrete positive und negative Folgen – nicht nur für den eigenen Körper, sondern auch für die Umwelt, nachfolgende Generationen und andere Menschen.“

Journal für Gastrosophie

Schlussendlich hat die Entscheidung sogar Folgen für das eigene Leben. Aber da man nicht nur sich selbst, sondern vor allem Dritten schadet (ob direkt oder indirekt), kann man hier nicht von einer Privatangelegenheit sprechen.

Tipp: Fleisch zu essen, ist zum Beispiel keine persönliche Entscheidung, da die Entscheidung ein Opfer in Kauf nimmt, das sein Leben verliert. Mehr über das Argument erfährst du im verlinkten Beitrag.

Die Entscheidung, was wir essen, hat Folgen für andere

Tote Schweine aus der Massentierhaltung – Credits: PETA Deutschland e.V.
Für ein Stück Fleisch auf dem Teller müssen Tiere sterben – es zu essen, ist deshalb auch keine Privatsache | Credits: PETA Deutschland e.V.

Alles was wir essen, verbraucht natürliche Ressourcen und wirkt sich in irgendeiner Form auf Dritte aus. Auch Produkte, wie Soja, Hafer, Weizen oder Mais müssen aufwendig angebaut werden – und bei der Ernte mit großen Maschinen können Tiere ums Leben kommen. Schon der Konsum pflanzlicher Lebensmittel ist also unter Umständen keine reine Privatsache.

Fleisch, Eier, Käse und Milch sind jedoch definitiv keine Privatsache, da mindestens der Tod eines Tieres in Kauf genommen wird. Hinzu kommen die gesundheitlichen Gefahren und schwerwiegenden Folgen für den Planeten und uns Menschen.

Hinweis: Ich habe mich bewusst für das obige Bild entschieden, da es die Realität darstellt und untermauert, dass der Konsum eines „Schweineschnitzels“ keine Privatsache ist. Es stirbt übrigens nicht nur ein einziges Tier – bei der Geburt werden in den engen Ställen auch unzählige Ferkel erdrückt, die anschließend in der Mülltonne landen. Wenn du das Bild zu krass findest, solltest du dich erst recht rein pflanzlich ernähren.

Welche Folgen haben tierische Lebensmittel für Dritte?

Die eigene Ernährungsweise hat Folgen

Heutzutage besteht keine medizinische Notwendigkeit mehr dafür, Tiere zu essen – dennoch tun es viele Menschen. Die Entscheidung für ein Steak, ein Rührei oder ein Glas Milch tierischen Ursprungs, hat nicht nur Auswirkungen auf das ausgebeutete Tier.

Hier sind einige Folgen der (Massen)-Tierhaltung zur Erzeugung von Lebensmitteln (Quelle: „Vegan ist Unsinn!“ von Niko Rittenau*) übersichtlich zusammengestellt. Die Massentierhaltung ist verantwortlich für die Verursachung/den Verbrauch von…

  • 12-18 Prozent aller globalen Treibhausgasemissionen (Klimawandel)
  • 70-80 Prozent der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes (Regenwaldabholzung)
  • 30-33 Prozent der weltweiten Landfläche und 70-80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche (Flächenverbrauch)
  • 36-46 Prozent der weltweiten Ernte (Lebensmittelverbrauch)
  • Etwa 30 Prozent des menschenverschuldeten Rückgangs von Tier- und Pflanzenarten (Artensterben)
  • Etwa 33 Prozent der überfischten Fischpopulationen (Überfischung der Meere)
  • 70-80 Prozent aller eingesetzten Antibiotika (Antibiotikaresistenzen)
  • 60-75 Prozent aller humanpathogenen Erreger (Zoonosenrisiko)

Durch die genannten Folgen der eigenen Ernährungsentscheidung für die Tiere, die Umwelt und für andere Menschen, ist diese schlussendlich keine Privatsache mehr. Die Entscheidung fällt zwar privat – die Kosten tragen jedoch vor allem andere. Schon allein deshalb, weil die eigene Ernährung das Leben Dritter beeinträchtigt, ist sie also keine Privatangelegenheit mehr.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch der Konsum von pflanzlichen Lebensmitteln verbraucht Ressourcen. Doch da der „Umweg Tier“ vermieden wird, sind pflanzliche Lebensmittel wesentlich effizienter.

„Meine Privatsache!“ – Typische Argumente entkräftet

Ignoranz – Ernährung ist keine Privatsache

Hier möchte ich noch einmal kurz mit einigen Argumenten aufräumen, die das Thema der Privatsphäre der eigenen Ernährungsweise betreffen. Streng genommen handelt es sich bei den folgenden Sätzen nicht einmal um ein Argument, sondern vielmehr um eine psychologische Barriere, die es einem erlaubt, nicht mehr weiter diskutieren zu müssen und einfach alles beim Alten zu belassen. „Das ist Privatsache!“ – Ende der Diskussion.

„Jeder sollte vor der eigenen Tür kehren.“

Dieser Spruch bedeutet, dass jemand besser seine eigenen Dinge in Ordnung bringen sollte, als sich in fremde Angelegenheiten einzumischen und andere Menschen zu kritisieren. Grundsätzlich ist das eine gute Einstellung. In einer Diskussion über Ernährungsgewohnheiten ist der Spruch jedoch fehl am Platze, da er eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik umgeht und jegliche Diskussion im Keim erstickt.

„Was ich esse, geht nur mich etwas an.“

Wie bereits oben im Beitrag erläutert, hat die eigene Ernährungsweise unter Umständen gravierende Folgen für Mensch, Tier und Umwelt. Der Spruch erzeugt eine große Distanz zur Kritik und beendet eine aufkommende Diskussion ebenfalls im Keim. Bei anderen Ungerechtigkeiten – zum Beispiel bei Kindesmissbrauch – würden wir es niemals dulden, wenn jemand diesen damit rechtfertigt, dass es seine Privatsache sei, wie er mit seinem Kind umgeht. Warum sollten wir es also bei Tierquälerei oder klimaschädlichem Verhalten dulden? Solange das eigene Essen Opfer fordert, geht es sehr wohl auch andere etwas an.

„Leben und leben lassen.“

Mit diesem Scheinargument möchten Menschen „fehlende Toleranz“ einfordern und darauf hinweisen, dass jeder so leben kann, wie er will. Zwischen den Zeilen und bezogen auf die eigene Ernährung, heißt auch dieser Satz, dass es die eigene Privatsache sei, was man isst. Man plädiert damit jedoch schlussendlich für ein „Leben und Töten lassen“ – als das exakte Gegenteil von dem, was der Satz eigentlich meint. Um das Töten von Tieren für die eigenen Essgewohnheiten zu rechtfertigen, reicht der Spruch also schon bei etwas genauerer Betrachtung nicht aus.

Es sind aber nicht nur die Tiere, die nicht „leben gelassen“ werden. Auch Menschen leiden und sterben unter den ineffizienten, tierischen Lebensmitteln. Wir könnten beispielsweise den Welthunger sofort beenden und die gesamte Menschheit rein pflanzlich ernähren.₁ Ganz einfach, weil der „Umweg Tier“ vermieden wird, wenn wir die (Futter-)Pflanzen direkt konsumieren, anstatt sie an Tiere zu verfüttern und dann ihre Körperteile zu essen.

„Leben und leben lassen“ ist also ein ziemlich absurdes Argument, um zu rechtfertigen, dass man Tiere für die eigene Ernährung töten lässt und andere Menschen gefährdet.

Tipp: Unter vegan für Menschen erläutere ich dir, warum der Veganismus nicht nur Tiere, sondern auch Menschen schützt.

„Jedem das Seine.“

Darunter ist zu verstehen, dass jeder Mensch das Recht auf eigene Ansichten, Meinungen, Vorlieben und Handlungsweisen haben sollte. Wer eine Meinung nicht teilt, solle tolerant sein und sich schlichtweg nicht daran stören. Doch mit diesem allgemeinen Spruch kann man nicht einfach soziale Ungerechtigkeiten und jegliche Kritik abweisen.

Die ursprüngliche Bedeutung des Ausspruches des griechischen Philosophen Plato war, dass jeder Mensch für eine gerechte Gesellschaft so handeln sollte, wie es seinem Wesen und seinen Umständen entspricht. „Jedem das Seine“ hatte also einen solidarischen Grundgedanken.

Doch die eigentliche Bedeutung ist im Laufe der Zeit abhanden gekommen. Nicht zuletzt, weil der Spruch auch von den Nationalsozialisten instrumentalisiert und an den Eingängen von Konzentrationslagern angebracht wurde. Aus einer jahrtausendealten Gerechtigkeitsformel wurde dadurch eine Todesformel – „jedem, was er verdient“, sozusagen. Vor dem Hintergrund ist der Satz besonders makaber.

Mit Blick auf den Konsum von tierischen Lebensmitteln, wie Fleisch, Eier oder Käse, bleibt festzuhalten, dass „Jedem das Seine“ eigentlich das Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung aussagt. Man nimmt unschuldigen Kühen, Schweinen, Hühnern und vielen anderen Spezies das Ihre – ihre Freiheit, ihren Nachwuchs und ihr Leben.

Ernährung ist keine Privatsache – Bewusst essen heißt auch andere zu respektieren

Vegane Mahlzeit – Essen ist keine Privatsache
Eine Beispiel für eine vegane Mahlzeit, die nicht das Leid und den Tod anderer in Kauf nimmt

Wir ölen, braten und panieren Körperteile vom Schwein und nennen es Schnitzel – eines von vielen beschönigenden Euphemismen für Tierprodukte, die die Erinnerung an das Tier im Verborgenen halten.

„Was man isst, kann jeder für sich selbst entscheiden.“ – der Satz wandelt sich wie von Zauberhand zu einem sehr egoistischen Ausspruch, sobald man das eigene Handeln aus Sicht der Opfer betrachtet. Tiere, aber auch Menschen, leiden und sterben unter der Ernährungsentscheidung, die man gerne locker und leicht als Privatangelegenheit abstempeln würde. Die Entscheidung fällt zwar privat – doch sie ist selbstverständlich keine Privatsache.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Albert Schweitzer

Vielen erscheint eine rein pflanzliche Ernährungsweise als zu schwierig. Doch sobald man den Blickwinkel ändert, sieht man, wer es wirklich schwer hat. Um die Perspektive der Opfer besser zu verstehen, hat mir persönlich der Film Dominion geholfen. Er zeigt, was wir Menschen Tieren für unser privates Vergnügen antun. Es ist schlichtweg eine brutale Ungerechtigkeit gegenüber allen nicht-menschlichen Tieren – und respektlos, ignorant und eigensinnig, diese als nicht öffentliche Angelegenheit abzutun.

Wir sind es gewohnt Fleisch zu essen – aber wir sind auch in der Lage, unser Verhalten zu hinterfragen und zu ändern. Ich hoffe, dass ich dir mit diesem Beitrag weiterhelfen konnte. Hast du Fragen, Tipps oder Anregungen? Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

Bleib‘ tierfreundlich,

Christoph von CareElite - Plastikfrei leben

PS.: Findest du auch, dass Veganer nerven? Im verlinkten Artikel erläutere ich dir, was genau am Veganismus eigentlich so ätzend ist. 😉

Quellenangaben:
₁ M. Berners-Lee,  C. Kennelly,  R. Watson; u.a. (2018): Current global food production is sufficient to meet human nutritional needs in 2050 provided there is radical societal adaptation, abrufbar unter https://t1p.de/3phy. [09.05.2022].

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Christoph Schulz

Christoph Schulz

Ich bin Christoph, Umweltwissenschaftler und Autor - und setze mich hier bei CareElite gegen den Plastikmüll in der Umwelt, den Klimawandel und alle anderen großen Umweltprobleme unserer Zeit ein. Gemeinsam mit weiteren, umweltbewussten Bloggern will ich dir Tipps & Tricks für ein natürlich-gesundes, nachhaltiges Leben sowie deine persönliche Weiterentwicklung an die Hand geben.